Mein Arbeitsplatz

Elternberatung bei schwieriger Schullaufbahnentscheidung

„Wir empfehlen daher den Besuch der Hauptschule ...“

von Klaus Brill

Worum es geht

Beratungsgespräche zu Schullaufbahnempfehlungen, die sich mit den Wünschen der Eltern decken, finden in der Regel in einem Klima der Übereinstimmung der Einschätzungen von Schule und Eltern statt. Bei abweichenden Elternwünschen – meist die höhere Schulform betreffend – können Gespräche schwierig werden. Diese unbefriedigende Situation entsteht meist dann, wenn die beratende Lehrkraft das „Schlechte-Nachrichten-Gespräch“ unprofessionell – also intuitiv und auf gut Glück – führt.

1. Elternängste erschweren Übergangsberatungen

Man kann es drehen und wenden wie man will, eine Hauptschulempfehlung am Ende von Klasse 4 ist Eltern – trotz Durchlässigkeit unseres gegliederten Schulsystems – gegenwärtig nur schwer zu vermitteln. Hiobsbotschaften regionaler und überregionaler Medien ängstigen Eltern hauptschulempfohlener Kinder, wie z.B. diese aktuellen Schlagzeilen der Tagespresse:

  • Kaum Chancen für Hauptschüler – Bei Lehrstellen oft abgehängt,
  • Hauptschüler gucken in die Röhre – Erst wenige Schüler haben eine Lehrstelle,
  • Schlechte Zeiten für Hauptschüler – Immer mehr Abiturienten drängen in die duale Ausbildung.

Da die Entscheidung für eine weiterführende Schule am Ende der Grundschulzeit in den meisten Ländern bei den Eltern liegt, haben sie diese letztendlich nach einer Schullaufbahnberatung mit den Lehrkräften auch selber zu verantworten. Paradox: Eine mit der Empfehlung der Grundschule übereinstimmende Elternentscheidung „beschert“ dem Schulkind möglicherweise eine Schulform mit schlechten Berufsaussichten – eine (meist nach oben) abweichende, die Schullaufbahnempfehlung nicht akzeptierende Elternentscheidung weckt bei diesen die Hoffnung auf die Chance einer Schulausbildung mit besseren Berufsaussichten.

Hier entsteht das Hauptproblem objektiver Beratung auf gleichberechtigter Ebene: Das vermeintlich „Erfolg versprechende“ aus Elternsicht (gute Berufschancen eröffnen) wird zur Fehlentscheidung aus schulischer Sicht (zu befürchtendes Scheitern des Schulkinds durch Überforderung). Der Gefahr des Beharrens auf eigenen Standpunkten, gegenseitiger Schuldzuweisungen und nachträglicher Verstimmtheiten lässt sich durch die Professionalisierung der Schullaufbahnberatung begegnen.

2. Zum Gelingen des Beratungsgesprächs

Als erfolgreich bewerten die Klassenlehrkräfte der ALSA die Elternberatung dann,

  • wenn sich Eltern und Klassenlehrkraft während des gesamten Gesprächs (bei entspannter Gesprächsatmosphäre) gut (= angenommen) fühlen;
  • wenn zwischen der Klassenlehrkraft und den Eltern ein Vertrauensverhältnis besteht bzw. hergestellt werden kann;
  • wenn die Klassenlehrkraft sich nicht (von außen) unter Druck gesetzt fühlt, Eltern umstimmen zu müssen;
  • wenn die Klassenlehrkraft in der Lage ist, sich in schwierigen Gesprächssituationen erlernter professioneller Hilfen und erfahrener Anregungen bedienen zu können.

2.1 Gesprächsleitfaden als Orientierungshilfe

Wie bei einer guten Unterrichtsstunde sollte auch dem Schullaufbahnberatungsgespräch zum guten Gelingen eine innere Struktur zu Grunde gelegt werden. An ihr sollte sich der Berater während des Gesprächs orientieren, um das Gespräch zu jeder Zeit lenken zu können. Folgendes Praxiswerkzeug bietet sich als Gesprächsleitfaden an:

Leitfaden: Gespräch zur Schullaufbahnberatung

Ergänzende Anmerkungen zum Gesprächsleitfaden:

Öffnender Einstieg. Nachdem die empfehlende Grundschule den zu beratenden Eltern die Schullaufbahnempfehlung ihres Kindes mitgeteilt hat, werden die Eltern über die Eröffnungsfrage der Klassenlehrkraft ...

„Haben Sie noch etwas auf dem Herzen, was Sie mir mitteilen möchten, bevor wir uns über die Schullaufbahnempfehlung Ihres Kindes beraten?“

... zu gleichberechtigten Gesprächspartnern.

Entwicklung aufzeigen. Zur Dokumentation der individuellen Lernentwicklung sollten den Eltern nur Übersichten und Arbeitsproben zur Einsicht vorgelegt werden, in denen Stärken (+), Nichtauffälligkeiten (○) und Unterstützungsbedarfe (!) gekennzeichnet sind. Abwertend zu interpretierendes Zeicheninventar (z.B. Minuszeichen, trauriger Smiley, Pfeil nach unten) und negative Bemerkungen (Er/Sie ist kaum in der Lage, kurze Texte fehlerfrei abzuschreiben.) können bei Eltern den Eindruck erwecken, diese Schule stigmatisiert Kinder, anstatt sie zu entwickeln.