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Chancen und Risiken der Digitalisierung

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeit in der Schule?

von Heinz Kipp, Hans-Joachim Gruel,

Dieser Fachbeitrag ist Teil des Themenspecials Schule digital

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Worum es geht

Welche Notwendigkeiten und Möglichkeiten einer stärkeren Digitalisierung der Schule gibt es? Welche sind geeignet, die Schule grundlegend zu verändern und zukunftsfähig zu gestalten? Diese Fragen werden in diesem Beitrag diskutiert und zudem Chancen, aber auch Risiken dieses Prozesses gleichermaßen in den Blick genommen.

1. Einleitung

Die deutschen Parteien sind sich auf Bundesebene einig wie selten und sogar bereit, das Grundgesetz zu ändern. Um den Ländern die zur Realisierung der „Schule 4.0“ notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen, soll der Bund mehr Rechte und Befugnisse bei finanziellen Fragen bekommen und in Kompetenzbereichen der Länder mitentscheiden können. Diese bemerkenswerte Einigkeit über Parteigrenzen, politische Ausrichtung und Zuständigkeitsbereiche hinweg zeigt, welche hohe Bedeutung die Entscheidungsträger der Bundesrepublik Deutschland über alle ideologischen Unterschiede hinaus dem geplanten verstärkten Ausbau der Digitalisierung von Schulen beimessen. Bildungsfragen werden zu Schicksalsfragen der Nation und finden verstärkt Eingang in den öffentlichen Diskurs.

Während die Bundespolitik die Segnungen des Digitalpakts preist und damit weitgehende Einschnitte in den Bildungsföderalismus im Grundgesetz vornehmen möchte, schrecken die Länder gerade vor den damit verbundenen Verlusten in den Zuständigkeiten im Bildungsbereich zurück und befürchten gar eine komplette Aufweichung der föderalen Struktur in diesem für sie wichtigen Bereich. Die einstimmige Ablehnung des Plans im Bundesrat folgte zwangsläufig. Fazit: Die notwendige und überfällige Diskussion über ein Ende des Bildungsföderalismus kann man nicht durch die Hintertür erreichen, sondern nur durch ein solides und transparentes Verfahren unter Einbindung aller Beteiligten.

Während die Politiker des gesamten Parteienspektrums meist völlig undifferenziert die Segnungen der Digitalisierung preisen und bei einem Scheitern dieses milliardenschweren Projektes die deutschen Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich völlig abgehängt sehen, gibt es nicht wenige Wissenschaftler, Bildungsfachleute und Pädagogen, die warnend den Finger heben und aus anderen Gründen die Ausbreitung einer „digitalen Demenz“ und damit den Untergang des Abendlandes befürchten. Das ist meist eine Frage der Perspektive. Eines jedenfalls ist auffällig: Wie die virtuelle „Schule 4.0“ in der analogen Realität tatsächlich einmal aussehen sollte, um den größtmöglichen Erfolg zu erzielen und ihre Schülerinnen und Schüler effektiv zu fördern, weiß kaum einer so recht und dazu fehlen noch immer die passenden Konzepte.

Laut einer Presseerklärung der Kultusministerkonferenz ist für den ausstehenden „Digitalpakt“ zwischen Bund und Ländern offenbar Folgendes geplant: Der Bund sorgt für die digitale Ausstattung der Schulen in einem Gesamtumfang von fünf Milliarden, Aufgabe von Ländern und Kommunen ist die Qualifizierung von Lehrkräften, der Betrieb und die Wartung der angeschafften Geräte und die Erarbeitung pädagogischer Konzepte.

Während es also einen relativ breiten Konsens darüber gibt, dass den Schulen auf jeden Fall mehr Equipment zur Verfügung gestellt werden soll, um die nachfolgende Generation auf die Erfordernisse der digitalen Zukunft vorzubereiten, fragt man sich noch immer, ob das nun bedeutet, dass jede Schule in Zukunft über ein schuleigenes W-LAN verfügen soll, jeder Schüler ab welchem Alter sein persönliches Tablet, Notebook oder gar Smartphone zum Gebrauch in der Schule und eventuell außerhalb erhält oder ob die bestehende Ausstattung nur erneuert und punktuell ergänzt werden soll. Zudem bleibt die Frage, ob es Konzepte geben soll, die von allen gleichermaßen zu realisieren sind, oder ob es jeder Schule überlassen bleibt, in welcher Form sie die bereit gestellten Mittel für die Digitalisierung abrufen und einsetzen will.

Dass es kaum klare Vorstellungen davon gibt, wie das vom Bund großzügig zur Verfügung gestellte Equipment verwendet werden sollte, um Ziele wie die immer wieder beschworene „digitale Kompetenz“ zu erreichen, ist nicht verwunderlich, solange wichtige Grundsatzfragen unbeantwortet bleiben, wie sie beispielsweise von der französischen Entscheidung für ein generelles Handy-Verbot an den Schulen der Sekundarstufe I (das in abgeschwächter Form nach wie vor in Bayern existiert) aufgeworfen werden. In der damit einhergehenden kontrovers geführten Diskussion fehlt es nicht an Hinweisen, dass Smartphones, Tablets und ähnlich verbreitete Geräte (von der Software gar nicht zu sprechen) für den alltäglichen Umgang mit dem World Wide Web offenbar gefährlich oder meist nicht unbedenklich sind, zumindest wenn sie von Kindern und Jugendlichen über ein gewisses Limit hinaus verwendet werden. „Offen zu sein für die Zukunftstechnologien heißt nicht, dass wir jede Weise akzeptie­ren müssen, wie sie genutzt werden“, sagte der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer in der Nationalversammlung zu diesem Thema.

Wie auch immer: Die Digitalisierung ist mit „Industrie 4.0“ in die nächste Phase eingetreten und wird quer durch alle Branchen die Wirtschaft, aber auch das Leben jedes einzelnen Bürgers grundlegend verändern. Der „Digital Native“ wird immer mehr zum Regelfall. Um mit diesem Wandel nicht nur Schritt zu halten, sondern ihn im Bildungsbereich auch entsprechend gestalten zu können, muss eine grundlegende digitale Kompetenz in Schulen und Bildungseinrichtungen vermittelt und auf Dauer gesichert werden. Die Vorstellungen, aber auch Forderungen von Industrie und Wirtschaft zur Modernisierung der Bildungssysteme werden zunehmend deutlich und in vielfältiger Weise vorgetragen. Aus Sicht der Autoren dürfen aber nicht nur wirtschaftliche und ökonomische Interessen die Leitlinien dieses Prozesses setzen, sondern es gilt, pädagogische und ethische Fragestellungen einzubeziehen und ihnen ein entsprechendes Gewicht in der Diskussion zu geben.