Mein Arbeitsplatz

Fallkonferenzen

Wenn’s knirscht ...

von Walter Spiess

Worum es geht

Lehrkräfte klagen über Schüler, Schülerinnen, Eltern und andere: Das können auch Sie als Schulleitung in Ihrem Lehrerzimmer vernehmen oder über Dritte erfahren. Dieses Klagen mag eine durchaus nützliche psycho-hygienische Funktion haben. Es kann zugleich aber ein Anzeichen für erhöhte Belastungen und Stress in Ihrem Kollegium sein. Wie gehen Sie als Schulleitung verantwortungsbewusst und fürsorglich damit um? Im Folgenden biete ich Ihnen hierzu die „Fallkonferenz“ an, die weit weniger aufwendig sein muss, als allgemein gedacht wird.

1. Was ist die Fallkonferenz?

„Fallkonferenzen“ sind ein kollegiales Kommunikations- und Unterstützungssystem, das einige Raffinessen enthält, die weit über die Alltagskonversation hinausgehen. Andernorts nennt man sie auch „Fall“-Besprechung oder „Fall“-Supervision.

Dieser etwas andere Typ von Konferenzen lässt sich in etwa wie folgt skizzieren:

Lehrerinnen und Lehrer (einer oder mehrerer Schulen), die derzeit besondere Schwierigkeiten mit einzelnen Schülerinnen oder Schülern, mit einer ganzen Klasse, mit Eltern oder anderen Personen erleben, treffen sich – beispielsweise im zeitlichen Abstand von vier Wochen – für maximal 90 Minuten, um einen von ihren aktuellen „Fällen“ zu besprechen. Wer beim jeweiligen Treffen die Gelegenheit bekommt, den eigenen „Fall“ bzw. das eigene Anliegen einzubringen, wird zu Beginn zwischen den Betreffenden verhandelt.

1.1 Der Unterschied zu anderen Konferenzen

Der Vergleich mit „regulären“ Konferenzen zeigt Unterschiede in den Rollen der Leitung, der Teilnehmer, im Ablauf und im Ergebnis:

Leitung und Moderation

Die (speziell ausgebildete) Leitung beschränkt sich auf die Moderation des Ablaufes, insbesondere die Initiierung der einzelnen Phasen – ohne Zusammenfassungen und Wertungen vorzunehmen.

Teilnehmer

Die Person, die ihren „Fall“ bzw. ihr Anliegen einbringt, hört sich die Sichtweisen und Handlungsideen der anderen an – ohne dazu Stellung zu nehmen.

Die übrigen Gruppenmitglieder bringen, entsprechend moderiert, ihre Sichtweisen und Handlungsideen ein – ohne zu belehren.

Ergebnis

  • Die Personen, welche ihr Anliegen einbringen, berichten von Entlastung, von der Entwicklung neuer Sichtweisen und Handlungsideen, von einer neuen Strategie, an Probleme heranzugehen.
  • Die Personen, die bei der Suche nach Klärung und nach Lösungen mitdenken, berichten ebenfalls von Entlastung und von einer neuen Strategie, mit der sie an Probleme herangehen.

1.2 Der Anwendungsbereich

Bestimmte Konzepte für Fallkonferenzen haben sich für folgende Fälle bewährt: nämlich bei Schwierigkeiten mit einzelnen Schülern, mit einer ganzen Klasse, mit Eltern und mit Kollegen.

Wenn mehrere Lehrerinnen und Lehrer mit demselben Schüler oder mit derselben Klasse Schwierigkeiten haben und an derselben Fallkonferenz teilnehmen, gilt es zweierlei zu berücksichtigen:

  1. Die Person, die meint, dass sie sich am meisten durch einen bestimmten Schüler oder die betreffende Klasse belastet fühlt, erhält die Gelegenheit, dies als ihr Anliegen vorzutragen. Sie schildert die Situation so, wie sie diese persönlich erlebt (hat).
  2. Die anderen Lehrkräfte, die ebenfalls mit diesem Schüler oder dieser Klasse zu tun haben, nehmen die Rolle der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein: Sie versuchen, die „Welt“ durch die Augen der Person zu sehen, die sich am meisten belastet fühlt.

Diese Unterschiede zur Kenntnis zu nehmen und gelten zu lassen, dass „bei allen alles anders ist“, erweist sich erfahrungsgemäß für viele zumindest in den ersten Fallkonferenzen als gewöhnungsbedürftig. Zunächst wächst dadurch eine Atmosphäre, die man „Toleranz“ oder Anerkennung von „Heterogenität“ nennen könnte. Im weiteren Verlauf des Prozesses – am ehesten im Rahmen des Perspektivwechsels oder des Brainstormings – wird dann deutlich, wie man solche Unterschiede für die eigene Weiterentwicklung positiv nutzen kann. Die Person mit dem Anliegen lernt den Schüler „neu“ zu sehen, sie sieht neue Optionen für einen wechselseitig befriedigenden Umgang miteinander. Die anderen profitieren davon, dass sie erkennen, wie relativ „gut“ es ihnen geht. Zugleich können sie sich das eine oder andere Nützliche voneinander „abschauen“.

2. Wie Sie Fallkonferenzen am besten einführen

Diese Aufgabe dürfte in den meisten Fällen Ihnen als Schulleitung zufallen. Wichtig bei der Einführung von Fallkonferenzen ist das Bedenken insbesondere des Orts, des Zeitpunkts, des Konzepts, der Leitung sowie zeitlicher und finanzieller Aspekte.