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Umgang mit sexueller Gewalt

Was tun im Fall der Fälle?

von Christian Rommert

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Worum es geht

Ziel des Beitrages ist es, vorbereitet und richtig auf sexuelle Gewalt an Ihrer Schule reagieren können, indem Sie transparent und ehrlich kommunizieren, zeitnah wirksame Schritte einleiten und durch ein Kindesschutzkonzept nachhaltige Veränderung bewirken.

1. Sexuelle Gewalt – bei uns doch nicht!

Sexuelle Gewalt an unserer Schule? Denken Sie auch, das sei nicht möglich? In der Regel gehen Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, von dieser Annahme aus. Leitungen vertrauen ihren Mitarbeitenden. Sie sind überzeugt von ihren hohen ethischen Standards. Sie halten sexuelle Gewalt für eine Ausnahmeerscheinung. Untersuchungen und Statistiken sprechen eine andere Sprache: Sexuelle Gewalt tritt in allen Gesellschaftsschichten und Milieus auf. Laut Untersuchungen des Familienministeriums werden 12,5 bis 29 Prozent aller Mädchen und 4 bis 8 Prozent aller Jungen im Laufe ihrer Entwicklung Opfer sexueller Gewalt: Etwa ein Drittel der Opfer erlebt anale, orale oder vaginale Vergewaltigungen, etwa 40 Prozent genitale Manipulationen, ein weiteres Drittel der Opfer wird zu Zungenküssen gezwungen, begegnet Exhibitionisten oder wird im Bereich der Brust berührt (Enders 2012, S. 17 f.).

Diese Zahlen und auch die Erfahrungen mit den Skandalen in Kirchengemeinden, Schulen und Vereinen machen deutlich, dass sich Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, der Frage stellen müssen, ob ihre Präventivmaßnahmen ausreichen und ob sie über wirksame Interventionstrategien verfügen.

Dabei müssen Einrichtungen kontinuierlich an ihren Sicherheitsstandards arbeiten sowie in die Fort- und Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden investieren und Konzepte entwickeln, durch die Kinder stark gemacht werden. Einrichtungen, die bereits in ein Kindesschutzkonzept investiert haben, müssen davon ausgehen, dass Täterinnen und Täter ihre Strategie anpassen und immer wieder neu nach verbleibenden Schlupflöchern suchen.

wichtig

Eine reale Gefahr!

Die Gefahr, dass es im Rahmen von Klassenfahrten, Schulausflügen, der Nachmittagsbetreuung oder in sensiblen Bereichen wie dem Sport- und Schwimmunterricht zu sexuellen Übergriffen kommt oder dass Angebote der Schule genutzt werden, um missbräuchliche Beziehungen aufzubauen, ist real. Schulleitungen müssen in wirksame Präventionsmaßnahmen investieren und auf den Fall des Vorwurfs gegenüber ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuern bzw. gegenüber bezahlten pädagogischen Fachkräften oder bezahlten Kräften aus dem nicht pädagogischen Bereich vorbereitet sein.

2. Vorwürfe werden laut – Aufgaben der Schulleitung

Eine Schülerin berichtet, der Sozialarbeiter der Schule nehme während Filmvorführungen im Unterricht Kinder auf den Schoß. Während der Raum verdunkelt und die Konzentration auf die Leinwand gerichtet ist, berühre er die Kinder im Genitalbereich. Was zunächst als Streicheln getarnt ist, wird im Laufe der Zeit immer intimer und endet schließlich in dem Versuch, nach der Schule Fotoaufnahmen von Mädchen in anzüglichen Positionen zu machen. Erst da gerät der Stein ins Rollen, da eine Schülerin ihren Eltern von den Begegnungen berichtet.

Wenn Sie als Schulleiterin oder Schulleiter ein Vorwurf erreicht, stehen Sie vor der Aufgabe, mit aufgebrachten Eltern, Schülerinnen und Schülern, Ihren Mitarbeitenden, der Presse und anderen Gruppen zu kommunizieren und dienstrechtliche Konsequenzen zu formulieren,. Außerdem wird von Ihnen erwartet, dass Sie zeitnah ein Konzept entwickeln, das ähnliche Taten in Zukunft zu verhindern hilft. Sie werden mit Wut, Enttäuschung und einer Vielzahl von Vorwürfen konfrontiert. Nicht selten kommen im Zuge des Aufdeckens einer Tat weitere Vorwürfe ans Licht. In solch einer Situation stehen Leitungen vor zwei Aufgaben:

  • das Managen der Kommunikation;
  • das Managen der eigentlichen Situation.

Je länger Sie warten, desto eher verschärft sich die Krise. Es verkleinern sich die Handlungsoptionen, während das Interesse betroffener Gruppen und der Öffentlichkeit steigt.

tipp

Ihre Rolle als Führungskraft

  • Überwinden Sie die Lähmung. Entscheiden Sie sich, die Situation schnell, vollständig und nachhaltig aufzuarbeiten!
  • Stellen Sie ein Krisenteam zusammen!
  • Analysieren Sie Ihre Handlungsoptionen und vermeiden Sie Orientierungslosigkeit im Team!
  • Identifizieren Sie Ihre Gesprächspartner: Wer muss wann und wie informiert werden?

Der Vorwurf sexueller Gewalt kann den Fortbestand Ihrer Schule nachhaltig stören oder sogar bedrohen. Das gilt vor allem, wenn Sie Leiterin oder Leiter einer freien Schule sind oder ein Internat betreiben. Eine zeitnahe, vollständige und nachhaltige Aufarbeitung ist unumgänglich. Gleichzeitig liegt in der konkreten Krise die Chance, grundsätzliche Veränderungen herbeizuführen. Die Bereitschaft, wirksame Präventionsmaßnahmen umzusetzen, ist in einer konkreten Krise größer als in einer Situation, in der das Thema ohne konkreten Anlass auf den Tisch kommt.