Mein Arbeitsplatz

Wie sich das Bildungssystem zu einem pädagogischen Dienstleister verwandelt

Vom Schüler zum selbstständigen „Lehrkraft-Unternehmer“?

von Klaus Hurrelmann

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Worum es geht

Dieser Beitrag geht von der Prämisse aus, den beruflichen Anforderungen an ein hohes Ausmaß von Selbstmanagement der eigenen Handlungskompetenzen, verbunden mit dem Trend zum „Arbeitskraft-Unternehmer“, entspreche ein Trend zum „Lernkraft-Unternehmer“. Daraus wird die folgende These abgeleitet: In allen Stufen des Bildungssystems ergibt sich die Notwendigkeit und Chance, ein „Bildungsmanager in eigener Sache“ zu werden und angeleitetes Lernen mit Selbst-lernen zu verbinden. Dazu ist ein Bildungssystem notwendig, das sich am Konzept des „lebenslangen Lernens“ orientiert und ein gut aufeinander aufbauendes Programm von Bildungsangeboten über den gesamten Lebenslauf hinweg anbietet und sich der Möglichkeiten moderner interaktiver Kommunikationstechniken bedient.

1. Der Trend zum Arbeitskraft-Unternehmer

Durch die Intensivierung des globalen Waren- und Güterverkehrs und die Neuordnung der internationalen ökonomischen Wettbewerbsbedingungen kommt es zu einer tief-greifenden Umstrukturierung der Erwerbsarbeit. Der Boom der digitalen Informations- und Kommunikationstechniken, vor allem die Verschmelzung von Telekommunikations- und Informationstechniken, hat stark zu einer Veränderung der Qualifikationsanforderungen am Arbeitsplatz beigetragen. Neue technische Fertigkeiten und soziale Kompetenzen sind gefragt, um mit den informationstechnischen Anforderungen umgehen und die durch sie ausgelösten veränderten Arbeitsabläufe bewältigen zu können.

Insgesamt sind die Qualifikationsanforderungen an Erwerbstätige in den hoch entwickelten Ländern deutlich angestiegen und hat sich der berufliche Qualifikationsdruck erhöht. Schon die Berufseinsteiger spüren diese Veränderungen, weil viele Schulabgänger mit einem niedrigen formalen Bildungsniveau kaum noch Chancen haben, überhaupt in den Erwerbssektor hineinzukommen. Auch Berufstätige müssen zunehmend auf eine An-passung ihrer Handlungskompetenzen achten, um ihren Arbeitsplatz sichern zu können.

In der soziologischen Arbeitsforschung werden diese Veränderungen als Trend vom „verberuflichtem Arbeitnehmer“ zum „verbetrieblichten Arbeitskraft-Unternehmer“ bezeichnet (Pongratz und Voß 2003). Mit dem Bild vom Arbeitskraft-Unternehmer ist gemeint, dass zunehmend ein individualisiertes Qualifikationsprofil von Erwerbstätigen verlangt wird, das mit einer permanenten Anpassungsbereitschaft an veränderte Arbeitsbedingungen und mit der Bereitschaft zur Selbstkontrolle der eigenen Arbeitsleistung verbunden ist.

Pongratz und Voß sehen in dieser Entwicklung einen neuen Arbeitstypus der Erwerbs-tätigkeit, nämlich eine gesellschaftliche Form der Arbeitskraft, bei der Arbeitende nicht in erster Linie ihr Arbeitsvermögen im Rahmen von vorstrukturierten Arbeitsplätzen anbieten („verkaufen“), sondern sowohl innerbetrieblich als auch außerbetrieblich vorwiegend als Auftragsnehmer für im einzelnen vereinbarte Arbeitsleistungen handeln. In vielen technischen und Dienstleistungsbranchen zeichnet sich dieser neue Leittypus der Erwerbstätigkeit bereits deutlich ab, in anderen wird die Entwicklung über kurz oder lang nachziehen.

Arbeitskraft-Unternehmer müssen den täglichen Arbeitsablauf selbstständig planen und strukturieren. Das gilt für die zeitliche Ebene ebenso wie für die räumliche, wobei in beiden Fällen ein hohes Ausmaß von Flexibilität charakteristisch ist. An welchem Ort und zu welcher Zeit die vereinbarte Arbeitsleistung erbracht wird, das liegt in der Entschei-dung des Arbeitenden. Entsprechend hoch muss die Fähigkeit zur Selbstmotivation und die Bereitschaft zur fachlichen Flexibilität sein, verbunden mit einer hohen Sensibilität für sich abzeichnende Veränderungsprozesse im Arbeitsablauf, auf die mit eigener Qualifi-kation reagiert wird. Hierzu gehören die technischen und medialen Veränderungen am Arbeitsplatz, auf die durch eine meist eigene private technische Ausstattung mit Telefon, Mobiltelefon, Handcomputer und Personalcomputer reagiert wird – im Idealfall verbunden mit einer grundlegenden Medienkompetenz im Umgang mit diesen Techniken.

Arbeitskraft-Unternehmer werden gewissermaßen zu aktiven Maklern der eigenen Fähigkeiten und individuellen Qualifikationen. Die eigene Arbeitskraft wird permanent am wirtschaftlichen Nutzen und am spezifischen Bedarf des Unternehmens orientiert, zwangsläufig verbunden mit einer hohen Bereitschaft zur beruflichen Weiterbildung. Hierzu gehören die Verfügbarkeit und der Einsatz von privaten Organisations- und Kommunikationsmitteln. Typischerweise hat der Arbeitskraft-Unternehmer gegenüber dem klassischen Typus des abhängig Erwerbstätigen viel größere zeitliche und räumliche Freiräume und ein deutlich höheres Ausmaß von Autonomie in der Gestaltung seiner Arbeitsabläufe, er sieht sich allerdings durch die starke Selbstrationalisierung einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt und ist gezwungen, die Fähigkeit des selbstorganisierten Arbeitens und Lernens in den Vordergrund seiner Lebensexistenz zu rücken.

Soll dieser Balanceakt gelingen, ist eine stabile körperliche und psychische Konstitution Voraussetzung. Das gilt erst recht dann, wenn durch ungünstige Entwicklungen zwischen vorübergehender Erwerbstätigkeit, beruflichen Weiterbildungsphasen und drohender oder tatsächlicher Arbeitslosigkeit hin und her gependelt werden muss (Arens, Gangoin und Treumann 2007; Plath 2000).