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Schule, Gewalt und Polizei

Strafrechtliche Betrachtung von Amokankündigung/-drohung

von Peter von Prondzinski

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Worum es geht

Die 14-jährige Schülerin S meldet sich bei der Schulleitung der Realschule. Sie überreicht einen Zettel, den sie vor dem Schulgelände von einer vermummten Person erhalten hat. Auf dem gefalteten Zettel steht folgender Wortlaut: "Moin ihr Arschlöcher! Heute ist euer Todesdatum! ICH LAUFE AMOK! 12:08:16!! Ich werde euch erledigen!“ Die Person entfernte sich anschließend unerkannt. Die Schülerin kann die Person wie folgt beschreiben: männlich, ca. 18 bis 20 Jahre alt, normale Statur, 185 bis 190 cm groß, helle Hautfarbe, maskiert (ähnlich Sturmhaube), langer schwarzer Mantel, Handschuhe, Rucksack. Die Realschule wird von etwa 500 Schülern besucht. Zum Zeitpunkt der Kenntnisnahme (11:05 Uhr) befinden sich 38 Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter der Schule auf dem Schulgelände. (Die Problemsituation ist einem Einsatz in einer Großstadt Nordrhein-Westfalens vom Dezember 2011 nachgebildet.) Wie können die beteiligten Lehrer und die Schulleitung – angemessen – auf diese Situation reagieren?

1. Sicherheit in der Schule

1.1 Amoktaten

Immer wieder ereignen sich im Bereich von Schulen exzessive Sicherheitsstörungen mit großer Öffentlichkeitswirkung, die als Amoktaten klassifiziert werden. Der Begriff „Amok“ kommt aus dem Malaysischen und bedeutet ‚in blinder Wut angreifen und töten‘ (http://de.wikipedia.org/wiki/Amok, Stand 19.09.2017).

Dem relativ neuen Phänomen des Amoks in Schulen („Schulamok“, school shooting) stehen Schulleitungen, Schüler, die Öffentlichkeit und auch die Polizei oft fassungslos gegenüber. In den Medien werden sie intensiv dargestellt, frühere Amoktaten anlassbezogen aufbereitet und Zusammenhänge hergestellt. Es entsteht der Eindruck, als ereigneten sich solche tragischen Exzesse mit (vielen) Toten und Verletzten häufig. Trotz oft längerer Vorbereitung des Täters ereignen sich die Taten – für Außenstehende – plötzlich und überraschend (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Gewaltexzessen_an_Schulen, Stand: 19.09.2017).

Bis zum 26.04.2002 galt Littleton/USA als Synonym für das so genannte school shooting (April 1999, 15 Menschen starben: 12 Mitschüler, ein Lehrer und beide Täter). Dann starben im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 17 Menschen. Bis dahin hatte in Deutschland der Irrglaube geherrscht, Amok sei ein spezifisch amerikanisches Problem. Amoktaten in Deutschland unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung von den Taten in den USA.

Medien

Über Amoktaten wird in den Medien breit berichtet, Hintergründe und frühere Taten in Erinnerung gerufen, emotionale Interviews von Geschädigten und ihren Angehörigen geführt. Dadurch kann die subjektive Wahrnehmung zur Häufigkeit verzerrt werden, ggf. kann dieser Umgang der Medien mit dem Ereignis aber auch einen letzten Anstoß zu einer eigenen Amoktat geben. Daher sollte bei den Medien entsprechendes Problembewusstsein erzeugt oder dies bei dem eigenen Umgang mit Pressevertretern berücksichtigt werden.

Häufigkeit

Die Taten von Erfurt, Emsdetten und Winnenden sind in den Köpfen derjenigen, die für die Sicherheit in Schulen Verantwortung tragen, bei Schulleitungen und Polizeibeamten. Wirkliche Amoktaten sind selten. Statistisch werden in Deutschland etwa drei Amoktaten pro Jahr erfasst (Volker Faust, http://www.psychosoziale-gesundheit.net/pdf/amok_faust.pdf, Stand: 22.05.2014, m. w. N.: 1993 bis 2001 – 143 „Amok-Ereignisse“ mit 144 Tätern und einer Täterin, in Deutschland liegt die Ein-Jahres-Prävalenz (Anzahl der in einem Jahr betroffenen Personen auf 100.000 Bürger) bei 0,03 bei Männern und 0,002 bei Frauen, S. 12), wenige davon im Bereich von Schulen (seit 2002 neun, davor, seit 1960, 2 Amoktaten).

Somit ist Amok ein seltenes Ereignis, das aber zu keiner Zeit und an keinem Ort völlig ausgeschlossen werden kann (. Mit dieser Sorge müssen die für die Sicherheit in Schulen zuständigen Verantwortungsträger, vorrangig die Schulleitungen, daneben die Polizei und ggf. weitere Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben, umzugehen lernen.

Phänomen Amok

Amok ist eine hochdynamische, extreme Gefahrenlage. Von Beginn an greift der Täter – zunächst anscheinend wahllos – seine Opfer an und tötet oder verletzt sie in rascher Folge. Von dieser Brutalität werden die Geschädigten, die Schulen und die Sicherheitskräfte überrascht. Hat der Täter sein Ziel im Wesentlichen erreicht oder ist dies nicht erreichbar, mündet sein Verhalten oft „selbstzerstörerisch“ und „schlägt in Verwundung, Verstümmelung und auch in Suizid“ um (World-Health-Organisation, Taschenführer zur Klassifikation psychischer Störungen, 2001).

Auslöser

Auch wenn sich der Täter über einen längeren Zeitraum mit Amokphantasien befasst, gibt es doch einen unmittelbaren Auslöser, dem die Realisierung der Amoktat zumeist unmittelbar, in selteneren Fällen auch erst nach wenigen Tagen folgt.

Beendigung

Eine Amoklage ist aus polizeitaktischer Sicht erst dann beendet, wenn