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Schulleitungshandeln im Wandel

Distributed Digital Leadership

von Mandy Schiefner-Rohs

Dieser Fachbeitrag ist Teil des Themenspecials Schule digital

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Worum es geht

Was bedeutet Digitalisierung für die Schulleitung? Dieser Beitrag reflektiert die Aufgabenfelder von Schulleitungen unter Perspektive der Digitalisierung von Schule. Insbesondere unter der Perspektive digitaler Medien ist Führungshandeln an der Schule als verteiltes Handeln zu sehen. Digitale Medien sind nicht nur als Herausforderung für Schule zu betrachten, sondern auch als Form, Schulleitungshandeln zu vereinfachen.

1. Digitalisierung der Gesellschaft und der Schule

Wir leben aktuell in einer Gesellschaft, die sich wandelt. Diesen Wandel erleben wir jeden Tag an mehr oder minder großen oder kleinen Dingen: Unser Smartphone ist zum ständigen Begleiter geworden, die Zahnbürste überwacht per App, ob wir auch richtig Zähne putzen und Musik wird auf Zuruf von Alexa abgespielt. Unter dem Stichwort Mediatisierung greifen Kommunikationswissenschaftler*innen diesen Wechsel auf, den sie als „Wechselbeziehung zwischen medienkommunikativem und soziokulturellem Wandel“ (Hepp 2013) bezeichnen. Dies trifft vor allem unseren Umgang mit Zeit, Raum und den anderen (vgl. Krotz & Hepp 2012). So hat die Durchdringung der Gesellschaft mit Medien zur Folge, dass sich Verfügbarkeiten und Erreichbarkeiten verändern, Kommunikationsprozesse beschleunigt werden. Aber auch immer mehr Orte werden zu Medienorten, neue (virtuelle) Räume entstehen, wie auch immer mehr soziale Praktiken durch Medien begründet werden. Mediatisierung als Meta-Prozess beschäftigt sich also mit der Durchdringung von Alltag und Kultur mit verschiedenen Formen der Medienkommunikation und den damit verbundenen Wandlungsprozessen. Im Kern geht es um das Wechselverhältnis zwischen dem Wandel von Kommunikation (z. B. durch die Verbreitung von neuen Medien) und dem Wandel von Kultur.

Digitalisierung der Gesellschaft impliziert auch immer die Frage danach, wie sich Schule unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen gestaltet und gestalten lässt. Aktuelle Diskussionen darüber, wie sich Schule verändern muss, gibt es zahlreiche. Einteilen lassen sich diese meist in zwei große Stränge, die je eigene Argumente hervorbringen:

Befürworter: Schule sollen Schüler*innen auf eine Welt vorbereiten, die wir aktuell noch gar nicht kennen (Stichwort: Industrie 4.0). Zu den Kulturtechniken Lesen und Schreiben kommt mit Medienkompetenz eine weitere hinzu (vgl. Kerres 2017). Nicht zuletzt wird eine weitere Integration und/oder der Ausbau dementsprechender Fächer wie der Informatik gefordert. Somit kommen diese zu dem Ergebnis: Schule als Vorbereitung auf die Gesellschaft, muss sich schnell ändern.

Gegner: Schule ist der einzige Raum, in denen die Kinder nicht mit digitalen Medien in Berührung kommen. Da Schüler*innen aufgrund der zunehmenden Durchdringung mit digitalen Medien über weniger Grundkompetenzen verfügen oder ihnen die Fähigkeit zur Konzentration fehlt, gilt es, die Schule als Schonraum zu konzipieren, in dem „richtig“ gelernt werden kann. Die Diskussionen reichen von pädagogischen Argumenten (Technologie per se bringe keinen Mehrwert, sie fördere Ablenkung und führe zu Kulturverlusten beispielsweise bei der Handschrift) über gesundheitliche Argumente (drohendes Übergewicht oder Gefahr durch Strahlung) bis hin zu gesellschaftlichen Argumenten unter dem Aspekt des Umgangs mit Ungleichheit. Selbst die OECD ist zurückgerudert, nachdem die Ausstattung von Schulen mit digitalen Medien keinerlei Verbesserung im messbaren Lerngewinn zeigte (OECD 2015).

Als Schulleitung steht man nun zwischen all diesen Ansprüchen an Schule und bekommt Zurufe von beiden Seiten: Die „digitalen Evangelisten“ wollen eine Beschleunigung des Prozesse, eine ganz neue Schule. Tenor hier: „Digitale Medien in die Schule – so schnell und umfassend wie möglich.“

Auf der anderen Seite befinden sich die Skeptiker; Tenor hier: „Digitale Medien haben in pädagogischen Situationen der Schule nichts zu suchen.“ Entweder herrscht also Euphorie über die neuen Möglichkeiten, verbunden mit einer Globalkritik an der jetzigen Form von Schule, oder Kritik an digitalen Medien mit einer Glorifizierung einer Schule als Bildungsinstitution. Doch diese Dichotomie erscheint immer weniger angebracht, ist die Diskussion dahinter doch komplexer.

Für Schulleitungen ist diese Disparität besonders herausfordernd, müssen sie doch Entscheidungen darüber treffen, ob und wenn ja wie digitale Medien in die Schule Einzug halten und dies notfalls auch gegen Kritiker und Kritikerinnen durchsetzen. Gleichwohl handeln sie auch immer im Spannungsfeld verschiedener Anspruchsgruppen: Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern, aber auch Schulträger und Behörden. Es scheint daher angebracht, die Debatte ein wenig tiefer gehend zu beleuchten, um Argumentationslinien und Handlungsperspektiven entwickeln zu können.

Notwendig erscheint es somit, die in schulischen Diskussionen vorherrschende Perspektive vom Einsatz digitaler Medien im Unterricht zu weiten, um Auswirkungen und Entwicklungen von „Kultur und Praktiken der Digitalität“ (Stalder 2016) ebenfalls in den Blick zu nehmen. Gewinn einer solchen erweiterten Perspektive kann es sein, dass diese den Blick für Herausforderungen öffnet, vor denen alle (Bildungs-)Institutionen in einer Kultur der Digitalität stehen. Diese Perspektive bricht mit bisherigen Entwicklungsverläufen, weil sie keine Weiterentwicklung bisheriger Medienformen darstellt. Angefangen von der mediendidaktischen Arbeit mit Filmen über Sprachlabore oder die Ausstattung von Computerräumen ging es bisher immer darum, Geräte in die Schule zu
integrieren, die kaum bis wenig mit traditionellen Vorstellungen von Schule und Unterricht in Konflikt standen: Ob das Bild nun auf einer Schulwandkarte gezeigt oder mit einem Overhead-Projektor an die Wand geworfen wurde, machte kaum einen Unterschied. Folglich wurden mediendidaktische Fragestellungen Teil didaktischer Überlegungen. Aktive handlungsorientierten Medienarbeit sollte Schüler*innen zum einen auf eine medial geprägte Gesellschaft vorbereiten und zum anderen auch Merkmale der Massenkommunikation hinterfragen und Medienkritik ermöglichen.