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Wie Sie die Unterrichtsqualität in Vertretungsstunden sichern können

Qualität auch in Vertretung

von Clemens Rother

Dieser Fachbeitrag ist Teil des Themenspecials Gesunde Schule

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Worum es geht

Vertretungsstunden bieten die Chance für Wiederholungen, Übungen oder die Vermittlung überfachlicher Kompetenzen. Dennoch bedeuten sie in weiterführenden Schulen oftmals nur Unterrichtsausfall mit hochbezahlter Aufsicht. Solange kein klares inhaltliches und organisatorisches Konzept für Vertretungssituationen vorliegt, ist zu befürchten, dass zumindest ein Teil der betroffenen Stunden durch Leerlauf bestimmt ist. Die negativen Auswirkungen auf die Schüler und das Ansehen der Schule sind spürbar. Das muss nicht sein! In diesem Beitrag stelle ich Ihnen Modelle vor, die im Theodor-Heuss-Gymnasium Wolfsburg diskutiert und erprobt wurden, um die Unterrichtsqualität in Vertretungsstunden zu sichern.

1. Guter Vertretungsunterricht ist wichtig

„Ich habe heute keine Hausaufgaben auf, wir hatten Vertretung.“ Zu oft gehört, bringt diese Aussage Eltern auf die Palme und beunruhigt Schulleiter. Zweifellos – so legen die Begriffe zumindest nahe – sollten Hausaufgaben zu Hause gemacht werden, während im Vertretungsunterricht eben Unterricht stattfinden müsste. Die Realität in weiterführenden Schulen ist oft eine andere.

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Schnellen Ersatz finden

Vielleicht kennen Sie die Situation nur zu gut: Es ist Montagmorgen und eine Physik-Kollegin meldet sich eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn telefonisch krank. Unterrichtsmaterialien für die Klasse liegen nicht vor. Und selbst wenn das der Fall wäre, ist der Deutschlehrer, der die Vertretung übernimmt, fachlich vermutlich kaum in der Lage, damit ad hoc Physik in einer 9. Klasse zu unterrichten.

Letztlich liegt es bei ihm, wie und womit er die Vertretungsstunde füllt – wenn er sie überhaupt füllt. Der Kollege wird vielleicht aus dem Stand eine Grammatikwiederholung machen. Die Schüler werden darauf wenig motiviert reagieren und der Lehrer, der die Klasse womöglich noch nicht einmal kennt, hat ein hartes Stück Arbeit vor sich – mit ungewissem Erfolg. Beliebter sind daher Denksportaufgaben, Rätselspiele oder eben doch Hausaufgaben.

Im Einzelfall mag das alles situationsangemessen sein. Die Rückmeldungen aus schulinternen Evaluationen, zumindest am Theodor-Heuss-Gymnasium Wolfsburg, zeigen jedoch, dass viele Beteiligte den Vertretungsunterricht als Problem sehen. Spätestens nach der nächsten Schulinspektion hätten wir mit einer entsprechenden Rückmeldung von außen rechnen müssen, denn im Erlass zur niedersächsischen Inspektion und in ähnlicher Weise in anderen Bundesländern heißt es: „Vertretungsunterricht wird in die Unterrichtsbeobachtung einbezogen“ (Runderlass des Ministeriums für Kultus vom 7. April 2006).

Gründe für eine Umgestaltung

Doch nicht erst eine drohende Inspektion sollte Anlass sein, sich über die Qualität des Vertretungsunterrichts Gedanken zu machen:

Schüler gewöhnen sich schnell daran, wenn in Vertretungsstunden kein Fachunterricht stattfindet und Leerlauf herrscht. Für Kollegen, die in solchen Stunden ernsthaft unterrichten wollen, wird es dann umso schwieriger. Wir alle kennen die Reaktion: „Warum sollen wir Mathe machen? Können wir nicht etwas spielen?“ Häufig wirkt sich dies auch negativ auf die Arbeitshaltung in den folgenden Stunden aus.

Seit Einführung des G8 ist der Leistungsdruck auf Schüler und Lehrpersonal erheblich gestiegen. Schlecht genutzte Unterrichtsstunden sind weniger denn je hinnehmbar.

Leerlauf im Vertretungsunterricht ist schlecht für das Image der Schule und wird vor allem von Elternseite bemängelt.

Mit einem guten Konzept bietet Vertretungsunterricht Chancen. Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten!

wichtig

Auch Lehrer können nicht zaubern

Neben den vielen Anforderungen, die Kollegien heute zu meistern haben, bedeuten Vertretungsstunden meist zusätzlichen Stress. Insbesondere Berufsanfängern fällt es nicht immer leicht, etwas aus dem Hut zu zaubern, wenn sie spontan eingesetzt werden. Dazu kommt möglicherweise, dass ein Teil der Schüler sich verweigert, wenn Unterricht nicht bewertungsrelevant ist.

Guter Vertretungsunterricht ist deshalb eine didaktische Herausforderung. Es braucht praktikable konzeptionelle und organisatorische Regelungen, wenn Kollegen, die teils auch noch den Lehrermangel in ihrer Schule mit auffangen müssen, entlastet werden sollen.

Aufgrund der beschriebenen Schwierigkeiten und Überlegungen wurde in unserer Schule mithilfe eines Lastenhefts eine Projektgruppe beauftragt, ein Vertretungskonzept zu entwickeln.

2. Vertretung ist nicht gleich Vertretung: Rahmenbedingungen beachten

Grundsätzlich sind verschiedene Vertretungssituationen zu unterscheiden, die zu unterschiedlichen Schwierigkeiten führen und deshalb auch unterschiedliche Regelungen erfordern.

Arten von Vertretungsfällen

  • geplanter und langfristig bekannter Vertretungsbedarf, wenn Lehrkräfte beispielsweise auf Exkursion, Fortbildungen etc. sind;
  • kurzfristiger, unvorhersehbarer Vertretungsbedarf aufgrund der Erkrankung von Lehrkräften (Ad-hoc-Vertretungen);
  • längerfristiger Unterrichtsausfall aufgrund von Erkrankungen, verspäteten Einstellungen nach Schuljahresbeginn oder fehlenden Fachlehrkräften.