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Konfliktmoderation für Schulleiter

Bei Krach einen gewinnbringenden Modus finden!

von Herbert Asselmeyer

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Worum es geht

Welche Einstellung haben Sie gegenüber Krach und Konflikten? Warum Sie moderierend eingreifen sollten, wenn es an Ihrer Schule scheppert und wie Sie Konflikte produktiv bearbeiten und nutzen können, lesen Sie in diesem Beitrag!

1. Das mentale Modell: Krach ist ein Entwicklungsanlass!

Schule ist ein komplexes soziales System, in dem viele Menschen zusammen leben und arbeiten, die nicht nur Informationen unterschiedlich wahrnehmen und verarbeiten (divergierende Arbeitsstile), sondern die Interessen durchsetzen wollen und widersprüchliche Bedürfnisse ins Spiel bringen. Die entsprechende Kommunikation äußert sich an Orten des Zusammentreffens (z.B. im Lehrerzimmer) häufig in Krach. Die Beteiligten merken schnell: Hier stimmt was nicht und assoziieren Streit, Irritationen, Empörung, Wut, aber auch Desorganisation, Chaos und ggf. auch Widerstand.

Welche Einstellung haben Mitglieder der Schulleitung gegenüber Krach? Das mentale Modell „Krach und Konflikte gehören zum Schulleben wie Temperaturschwankungen und Gewitter zum Wetter“ legt nahe, derartige Signale nicht als vermeidbare Unbehaglichkeit zu deuten, sondern als konkreten Beratungsbedarf aus dem Schulsystem, der Beachtung und Moderation verdient.

Dieser Beitrag appelliert an Schulleitungen, einen gewissen Grad an Unruhe und Unorganisation als dazugehörig anzuerkennen und sich zur Aufgabe ‚produktiver Umgang mit dem Konflikthaften‘ zu bekennen, also das kommunikative Geschehen mit professionellen Mitteln bearbeitbar zu machen. Die Botschaft lautet zusammengefasst: Eine Sensibilität für schwache Signale kann helfen, Irritationen im Frühstadium wahrzunehmen, wo sie mit Schulleitungskunst (Ziel: Variation des Streits) und Schulleitungshandwerk (Entwicklungs-Prozesse stimulieren/organisieren) leichter bearbeitbar sind als in späteren Stadien, wo Dritte und ggf. Externe wegen Positions-Verhärtungen und Konflikteskalation zur Schlichtung hinzugeholt werden müssen. Krach ist eine zu moderierende Herausforderung im vielfältigen Aufgabenkatalog von Schulleitungen. Die Perspektive lautet: Von der eigenen Aufmerksamkeit zur kollektiven Achtsamkeit!

2. ‚Normalisierung‘ von Krach als Frage des Bewusstseins

Schulleitung als Management von ‚ungeselliger Geselligkeit‘ verstehen

Organisationen wie Schulen benötigen mehrere Mitwirkende, um anspruchsvolle Ziele (Bildung und Erziehung) zu erreichen, die Einzelpersonen nicht bewältigen können. Andererseits benötigen Menschen zur Bedürfnisbefriedigung (Selbstwertschätzung, Talententfaltung, Identitätsgewinn, Einfluss und Macht) und Unterstützung (Gelderwerb, Schutzbedürfnisse, Klima) eine Gemeinschaft, die sie in Organisationen wie Schulen finden.

Diese ‚Vorteile‘ für beide Seiten haben aber den ‚Nachteil‘, dass ein Zusammensein konflikthaft sein kann. Dem Sinne nach lässt sich mit Kant sagen: Wenn Menschen mit ihren jeweiligen Autonomie-Bestrebungen aufeinandertreffen, zeigt sich die „ungesellige Geselligkeit des Menschen“ durch den Antagonismus, „alles bloß nach seinem Sinne richten zu wollen“ (sich vereinzeln/isolieren) und „den Hang in Gesellschaft zu treten“ (sich vergemeinschaften) (Kant 1784, „Vierter Satz“).

Diesen Gedanken für unseren Zweck fruchtbar gemacht, hieße dieses dann für Schulleitungen,

  • sich für das Management von ungeselliger Geselligkeit zuständig zu fühlen (Konflikt-Bewusstsein) und
  • professionell damit umzugehen (Konflikt-Kompetenz).

Krach als Nebenwirkung schulischer Komplexität sehen

Die Diversität der Akteure (sozio-kulturelle Herkunft, Fächerkultur, Alter, Geschlecht, didaktische Sozialisation; Arbeitsstile, ...) im pädagogischen und organisatorischen Alltag einer Schule wird in Zeiten von Multiprofessionalität, Ganztag, Inklusion u.a. weiter zunehmen. Das muss insofern betont, als damit der Klärungs-, Abstimmungs- und Regelungsbedarf ebenfalls zunimmt. Zum Beispiel bei der Klärung der Frage „Wem gehört das Lehrerzimmer?“ geht es ja nicht nur um Räume, sondern um das Zusammenwirken multipler Berufsgruppen, die den schulischen Alltag gemeinsam gestalten, dabei professionsgebundene Haltungen einbringen und normative Bewertungen äußern, was Missverständnisse und Konflikte unausweichlich nach sich ziehen kann.

Da bei Krach immer auch Personen ins Blickfeld geraten, ist die Neigung naheliegend, Krach vor allem zu personalisieren. Ein systemisch geprägtes Bewusstsein hingegen würde die Beteiligten sogar entlasten, wenn sie Krach als Ausdruck einer Beziehungs- und Strukturkonstellation des spezifischen Organisationstypus Schule verstünden. Schulische Organisationsstrukturen sind immer auch mitgeltende Bedingung des Handelns und damit auch der Konflikte im Lehrerzimmer.

Theoretisch betrachtet werden beim Krach die Strukturen der Organisation Schule durch die Interaktionen im Lehrerzimmer und damit auch durch die dort ausgetragenen Konflikte mit reproduziert. Betrachtet man Krach als rekursive Reproduktion von Schulstrukturen, dann hat Krach nicht nur eine individuelle, sondern gruppenspezifische, organisationale und außerpädagogische Dimensionen.