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Kompetenzraster

Kompetenzorientierte Zeugnisgespräche – Veränderung der Unterrichts- und Rückmeldekultur

von Tarek Aichah

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Worum es geht

Haben Sie als Schulleitung schon einmal darüber nachgedacht, Ziffernoten in den Jahrgängen 5 und 6 auszusetzen und als Alternative dazu eine kompetenzbasierte Rückmeldekultur an Ihrer Schule zu etablieren? Oder sind Sie Fachlehrkraft und an kompetenzorientiertem Unterrichten und Rückmelden interessiert? Der Beitrag liefert Ihnen Anhaltspunkte, wie Sie zielführende Zeugnisgespräche mithilfe von Kompetenzrastern führen und dabei Schülerinnen/Schüler und Eltern gleichermaßen einbeziehen. Die vorgestellte Vorgehensweise lässt sich alternativ parallel zu Ziffernoten und auch in höheren Jahrgängen umsetzen.

1. Ankommen und Weichen stellen – individuelle Förderung in Jahrgang 5 und 6

Der Übergang in eine weiterführende Schule ist für viele Schülerinnen und Schüler häufig eine sehr aufregende Zeit: Sie haben einen neuen Schulweg, gehen in eine neue Schule, ihnen begegnen neue Lehrerinnen und Lehrer, sie lernen neue Mitschülerinnen und -schüler kennen und sie haben neue Unterrichtsfächer. Doch der Übergang in die weiterführende Schule bedeutet noch viel mehr als nur, dass alles neu ist. Er ist vielmehr eine zweite Einschulung. Das erste Kapitel ihres Bildungsweges haben die Schülerinnen und Schüler erfolgreich bewältigt und somit das erste Ziel ihrer schulischen Laufbahn erreicht.

Mit dem Eintritt in die weiterführende Schule rücken automatisch neue Ziele in den Fokus: der Hauptschulabschluss, der Mittlere Abschluss oder das Abitur. Metaphorisch gesprochen könnte man sagen, dass dies die neuen Sterne sind, an denen sich die Schülerinnen und Schüler orientieren und mit deren Hilfe sie zum gewünschten Ziel navigieren. Welches Ziel die Schülerinnen und Schüler ansteuern, entscheiden sie dabei meist nicht selbst und könnten das vielleicht auch noch nicht, da ihnen dazu die nötige Reife und das Reflexionsvermögen fehlen. Vielmehr sind es Empfehlungen der Grundschulen, die häufig auf Noten basieren, und der Wunsch der Eltern, die den Schülerinnen und Schülern ihr Ziel aufzeigen.

Die Aussagekraft von Prognosen für einen anzustrebenden Abschluss ist vor allem zu diesem Zeitpunkt eher fragwürdig. Zum einen hängen Noten häufig von der bewertenden Lehrkraft, der Bezugsnorm der Lerngruppe und dem Anspruchsniveau der besuchten Schule ab (vgl. Winter 2006).

Zum anderen kommen altersbedingte Unterschiede in der kognitiven und sozial-emotionalen ebenso wie der sprachlichen Entwicklung, die z. B. migrationsbedingt vorhanden sind, hinzu.

Manche Schülerinnen und Schüler brauchen ggf. noch etwas Zeit, um sich zu entwickeln und kognitiv aufschließen zu können. Des Weiteren bringen sie verschiedene Interessen, Stärken und Schwächen mit, die durch unterschiedliche Leistungen in den jeweiligen Fächern, aber auch innerhalb eines Faches zum Vorschein kommen. Ziffernoten bilden diese individuellen Ausprägungen nicht ab und bieten daher nur bedingt eine Orientierung, woran einzelne Schülerinnen und Schüler im jeweiligen Fach arbeiten sollten, um die formulierten Bildungsstandards für ihren angestrebten Abschluss zu erreichen.

Dieser ausgeprägten Heterogenität in einer für die Schülerinnen und Schüler aufregenden Zeit des Neuanfangs und des Aufbruchs mit einheitlichen Zielen zu begegnen und ihnen mit undifferenzierten Ziffernoten lediglich aufzuzeigen, ob sie auf Kurs sind oder nicht, erfüllt dabei eher die Funktion einer Selektion als der individuellen Kursanpassung mit personalisierten Kompassen.

Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, eine Zeit des Ankommens an den weiterführenden Schulen zu ermöglichen, in deren Verlauf Schülerinnen und Schüler – ohne Druck durch Ziffernoten – die Möglichkeit auf solch eine individualisierte Kursanpassung bekommen. Ziel dieser Ankommensphase in den Jahrgängen 5 und 6 sollte daher sein, den Neuankömmlingen ausreichend Zeit zu geben, sich zu orientieren, zu entwickeln, individuelle Stärken aufzugreifen und gezielt an persönlichen Schwächen zu arbeiten.

Ein Beispiel aus der schulischen Praxis soll Ihnen im Folgenden aufzeigen, wie diese Art der individuellen Förderung innerhalb der Eingangsstufe erfolgreich eingeführt und weiterentwickelt werden kann.

Zeugnisgespräche anstelle von Ziffernoten

An der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden entschied man sich bereits vor längerer Zeit, die Ziffernoten in den Jahrgängen 5 und 6 auszusetzen und stattdessen Zeugnisse ohne Ziffern (ZoZ) in Form von Zeugnisgesprächen auszustellen. Bis heute sprechen Schülerinnen und Schüler zusammen mit ihren Eltern in triangulären Gesprächen von ca. 30 Minuten Dauer mit dem Klassenlehrer/der Klassenlehrerin über ihren Leistungsstand in den jeweiligen Fächern, die persönliche Entwicklung sowie das Arbeits- und Sozialverhalten. Am Ende dieses Gesprächs erfolgt eine Zielvereinbarung für das kommende Halbjahr.

Ergebnisse der schulinternen Evaluation zu Zeugnisgesprächen

Im Zuge der Weiterentwicklung von Schule fand vor etwa vier Jahren eine Evaluation zum Format der Zeugnisgespräche statt. Die Rückmeldungen waren weitgehend positiv: Eltern sowie Schülerinnen und Schüler schätzten vor allem die konstruktive und angenehme Atmosphäre.