Mein Arbeitsplatz

Lehrerausbildung in der Schule

Die Lehrerfunktionen im Überblick

von Ursula Hermes

Dieser Fachbeitrag ist Teil des Themenspecials Lehrerausbildung in der Schule

Sie wollen den kompletten Text lesen?

Worum es geht

In den Augen der Öffentlichkeit besteht der Lehrerberuf hauptsächlich darin, Schüler zu unterrichten. Laien nehmen oft mit Erstaunen zur Kenntnis, dass der Beruf (mindestens) sechs Lehrerfunktionen umfasst.

In der Lehrerausbildung werden Referendare auf alle sechs Lehrerfunktionen vorbereitet. Sie merken schnell, dass der Beruf dadurch komplexer, facettenreicher, aber auch interessanter und anspruchsvoller wird.

Im Folgenden können die Lehrerfunktionen nur umrissen werden.

1. Lehrerfunktion Unterrichten

Das Unterrichten ist nach wie vor das zentrale „Geschäft“ einer Lehrerin/eines Lehrers.

Die meisten Lehrer haben den Beruf gewählt, weil sie anderen gerne etwas beibringen, gerne erklären und sich gerne in neue Sachgebiete einarbeiten. Bei anderen steht das Interesse an den Fächern im Vordergrund. Sie verstehen sich vielfach auch an der Schule als „Fachfrau“ bzw. „Fachmann“ in mindestens zwei Fächern.

Die Ergebnisse der PISA Studie aus dem Jahr 2000 waren für die gesamte Bildungslandschaft in Deutschland ein Schock. Deutsche Schüler landeten im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld. Durch die nun einsetzende Diskussion kam der Unterricht an deutschen Schulen auf einen erneuten Prüfstand und wurde mit dem Unterricht in den sogenannten PISA-„Siegerländern“, vor allem Schweden und Finnland, verglichen.

Die Vorstellung, dass die Lehrkraft 30 Individuen mit ganz unterschiedlichen Wissensständen, Begabungen und Interessen mit identischem Thema, Methode und Zeitrahmen gerecht werden kann, wurde radikal in Frage gestellt.

Die Ergebnisse der Neurobiologie und Kognitionswissenschaften haben Bildungsexperten darin bestärkt, Lernprozesse als hochgradig individuell zu beschreiben.

  • Lernen, Erinnern und Behalten sind abhängig von den Vorkenntnissen des Lerners. Die Behaltensleistung ist umso höher, je mehr Vorwissen vorhanden ist. Der „Matthäus-Effekt“ wird hier gerne angeführt: „Denn wer da hat, dem wird gegeben“ (Matthäus 13, Vers 12). Das heißt, Schüler, die aufgrund ihres Elternhauses oder ihrer Hobbys bereits viel über ein Thema wissen, können das Neue sehr viel leichter aufnehmen und behalten.
  • Die Lerntempi der Schüler unterscheiden sich gravierend. In einer Klasse benötigen die langsamsten Kinder zum Teil die fünffache Zeit, um zum gleichen Ergebnis zu kommen wie die schnellsten.
  • Lernen ist abhängig von emotionalen Faktoren. Je schülergerechter die Lernatmosphäre und die Arbeitsmaterialien gestaltet sind, desto höher sind die Bereitschaft und die Lust mitzuarbeiten. Gefühle und persönliche Identifikation mit dem Stoff, aber auch mit der Lehrperson sind bedeutsam.
  • Lernen ist ein aktiver Prozess und gelingt am besten in einer lebendigen Auseinandersetzung mit dem Stoff und/oder mit den Mitschülern. Arbeitsaufträge, die den Schülern eigene Lösungswege ermöglichen, die zum Denken provozieren und reflexiv angelegt sind, führen zu einer „aktiven“ Auseinandersetzung. Formen kooperativen Arbeitens und handlungsorientierte Methoden fördern ebenso Verstehen und Behalten.
  • Ein Unterricht, der Wissen vernetzt und die Themen an lebensnahen, ganzheitlichen Problembereichen orientiert, erleichtert und vertieft die Behaltensleistung der Schülerinnen und Schüler.

In dem Jahrzehnt nach der ersten PISA-Studie sind zahlreiche Bücher zum Thema Lehrerhandeln und zu modernen Unterrichtsformen erschienen, von denen zwei an dieser Stelle erwähnt werden sollen:

  • Herbert Gudjons: Frontalunterricht – neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen.
  • Diethelm Wahl: Lernumgebungen erfolgreich gestalten. Vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln.

Herbert Gudjons ist der Frage nachgegangen, warum der Frontalunterricht bei Lehrern in Deutschland so beliebt ist. Er zitiert eine der wenigen empirischen Untersuchungen von 1985, nach der der Frontalunterricht über 76 Prozent aller Sozialformen ausmacht, gefolgt von der Einzelarbeit mit 10,2 Prozent und dem Gruppenunterricht von 7,4 Prozent.

Die Beliebtheit des Frontalunterrichts bei Lehrern hat laut Gudjons damit zu tun, dass der Unterricht leichter vorzubereiten ist, dass der Lehrer das Gefühl hat, im lehrerzentrierten Unterrichtsgeschehen zügig und ergebnisorientiert arbeiten zu können und dabei die Klasse jederzeit im Griff zu haben.

Gudjons verdammt den Frontalunterricht keinesfalls in Bausch und Bogen. Er hält ihn für unverzichtbar, aber nur als eine von vielen Unterrichtsphasen und fordert ein integriertes Konzept.

Für ihn gibt es die ideale Lehrmethode oder den effektiven Unterricht nicht. Er hält vielmehr eine gesunde Balance zwischen Frontalunterricht, Einzelarbeit und der Arbeit in Kleingruppen für zielführend und für lernwirksam.