Mein Arbeitsplatz

Beratungsprozesse strukturieren

Beraten statt Rat erteilen!

von Ralf Petersen

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Worum es geht

Jeder Beratungsprozess – egal über welchen Zeitraum er sich hinzieht und wie viele Gespräche nötig sind – umfasst vier Phasen. Ein Handwerkszeug für das Navigieren in diesen Phasen bietet dieser Beitrag. Anhand von Leitfragen gelingt Ihnen die Orientierung im Beratungsprozess.

1. Klärungen der Voraussetzungen von Beratung

Sie wissen, was Beratung ist. Und durch gezieltes Zuhören können Sie ermessen, ob es sich bei dem Gesprächsbedarf einer Lehrkraft, die sich an Sie als Schulleitung wendet, um ein Beratungsanliegen handelt. Wie können Sie nun eine der Person und deren Anliegen angemessene Beratungsarbeit leisten? Was muss vor Beginn des Beratungsgespräches bedacht werden?

1.1 Können und wollen Sie beraten?

Schauen wir uns im Folgenden anhand eines Beispiels an, was im Vorfelde eines Beratungsgespräches zu bedenken ist:

Beispiel

Von Schülerinnen provoziert

Ein jüngerer Kollege fragte zu Beginn einer großen Pause, ob Sie für ihn einen Augenblick Zeit hätten. Sie baten ihn daraufhin in Ihr Büro und er berichtete Ihnen, was ihn bewegte: „Ich habe ein großes Problem in der Klasse 10b. Drei Schülerinnen, sie sitzen in der ersten Reihe, sind, seit es so warm geworden ist in den letzten Wochen, wirklich sehr leicht und sommerlich gekleidet. Oh Mann, da kann man überhaupt nicht drüber wegsehen. Ich habe vorhin versucht, das zu thematisieren, um darüber zu sprechen, welche Kleidung in der Schule und welche in der Freizeit angemessen ist. Aber die Schülerinnen haben mich nur provokant angelächelt und gesagt, es sei doch so warm. Dabei bin ich richtig rot geworden und wusste gar nicht mehr, was ich sagen sollte. Und nun habe ich eben in der Pause gehört, dass die Mitschüler glauben, ich würde da bewusst immer hinsehen, weil mir die drei so gut gefallen. Und nun wollen die das zu Hause erzählen. Aber das ist doch der größte Quatsch! Ich wollte doch gerade, dass die drei sich anders anziehen in der Schule! Ich mag gar nicht daran denken, welche Folgen solche Unterstellungen haben könnten.“ Während er den letzten Satz sagt, wird seine Stimme brüchig, er bekommt feuchte Augen. Abschließend sagt er: „Wie soll ich mich jetzt bloß verhalten? “

1.1.1 Beratung ja oder nein?

Hören Sie genau hin: Will der Lehrer bei der Lösung des Problems unterstützt werden, es aber selbst lösen? Oder will er, dass Sie eine Regelung treffen und ihm das Problem abnehmen? Nur im ersten Fall ist es Beratung. Bevor Sie jedoch mit ihm in ein Beratungsgespräch einsteigen, muss einiges geklärt werden.

1.1.2 Inhaltliche Klärung

Fühlen Sie sich ggf. inhaltlich dazu in der Lage, an dem Thema zu arbeiten? Ergänzend dazu: Sehen Sie es als Ihre Aufgabe als Schulleitung an, für das eingebrachte Anliegen beratend zur Verfügung zu stehen?

Übertragen auf unser Beispiel des Fachlehrers der 10b:

Der Kollege kommt mit einem deutlich schulbezogenen Anliegen zu Ihnen, er hat eine problematische Situation in seiner Klasse erlebt, an der drei Schülerinnen direkt beteiligt waren und der restliche Klassenverband wurde Zeuge dessen. Gewiss können Sie hier inhaltlich folgen, die Situation erfassen und sind in der Lage, zu diesem Thema zu beraten. Weitergehend gehört es hier zu Ihren Aufgaben als Schulleitung, in dieser Angelegenheit klärend und unterstützend tätig zu werden. Den Kollegen wirklich zu beraten und nicht „nur ein formales“ Dienstgespräch darüber zu führen, wäre angemessen. Hier steht der Durchführung einer Beratung nichts im Wege.

Beratungsgrundsatz: zentrierte Aufmerksamkeit. Sie müssen also im Vorfelde für sich klären, ob es für Sie grundsätzlich vorstellbar ist, zu einem eingebrachten Anliegen eine Beratung durchzuführen. Nähmen Sie die Klärung nicht vor, bestünde die Gefahr, dass Sie plötzlich mitten im Beratungsprozess feststellten, dass eine Beratung in der jeweiligen Situation für Sie schwierig ist. Damit würden Sie weder der Lehrkraft noch Ihnen selbst gerecht werden. Plötzlich wären Sie mit sich selbst beschäftigt und würden Ihre Aufmerksamkeit nicht ungeteilt Ihrem Gesprächpartner widmen können. Für Beratung ist die ungeteilte Aufmerksamkeit für Ihr Gegenüber jedoch eine zwingende Voraussetzung. Ansonsten würden Ihnen ggf. wichtige inhaltliche und problem-relevante Aspekte der Schilderung der Lehrkraft entgehen.

1.1.3 Eigene emotionale Belastbarkeit überprüfen

Denken Sie, Sie können ggf. mit den emotionalen Reaktionen der Lehrkraft umgehen?