Mein Arbeitsplatz

Wenn Abiturienten über Stränge schlagen

Als Schulleitung mit Abistreichen, Mottowochen und Ähnlichem umgehen

von Heinz Bonorden

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Worum es geht

Abistreichen und Mottowochen so zu begegnen, dass die Haltung zur eigenen Person und zur Schulsituation passt. Dafür wird hier

  • unterschiedliches Leitungshandeln in Fallgeschichten vorgestellt,
  • ein Sicherheitskonzept exemplarisch aufgezeigt,
  • zu genauer und interessierter Beobachtung eingeladen, weil dem Abiturjahrgang selbst seine Feier- und Fest-Aktivitäten meistens sehr wichtig sind.

1. Liberal, smart oder rigide? Fallbeispiele zu Abistreichen

Fallbeispiel 1: Schulleiter A – Teil I/II

Schulleiter A. auf dem Weg zur Schule. Er ist heute früher unterwegs als sonst. Der Abiturjahrgang hat seinen letzten Schultag. Wahrscheinlich wird ab sieben Uhr das Schultor oder die Zufahrt zum Lehrerparkplatz oder beides von kostümierten jungen Menschen blockiert sein. Alle Jahre wieder. A, der schon lange dabei ist, weiß, was ihn erwartet. Nein, anders: Dass er gerade nicht weiß, was an diesem Vormittag in seiner Schule, auf dem Schulhof so alles passieren wird, macht ihn unruhig. Man nennt es Abistreich. Der Hausmeister hat am Vortag die Bühne auf dem Schulhof errichtet. Auf der wird – alle Jahre wieder – ein Lehrer-Veralberungsprogramm stattfinden und was die Aktivisten im Abiturjahrgang sich sonst so ausgedacht haben. Die ganze Schule, von der fünften Klasse an, schaut zu und johlt, wenn der Schulleiter mit der Sekretärin Rumba tanzen muss oder so. A macht mit, aber es ist ihm peinlich. Ihm fällt dieser wortgewandte Abiturient ein, der vor Jahren als Conferencier ins Mikrofon brüllte: „Was finden Schüler toll? Erstens: Süßigkeiten! Zweitens: sinnlose Gewalt! Drittens: wenn Lehrer sich zum Affen machen! Und genau das ist unser Programm …“ Er hatte mit beiden Händen Bonbons von der Bühne aus in die jubelnde Menge geworfen, während hinter ihm ein paar Abiturienten, mit Kapuzen als Henker verkleidet, eine große Strohpuppe zerfetzten. Dann rief der Conferencier einige Lehrkräfte auf. Sie möchten doch bitte nach oben kommen.

Bei weitem nicht alle aus As Kollegium lassen sich am letzten Schultag auf diese Späße ein. Viele bleiben einfach im Lehrerzimmer und tun so, als ginge sie das Spektakel auf dem Schulhof nichts an. Soll der Schulleiter doch sehen, wie er damit fertig wird! Und A kann die Kollegen ja kaum dienstlich anweisen, sich den aufgedrehten Abiturienten zu stellen. Manchmal ist das Programm wirklich langweilig, hin und wieder geschmacklos. Einiges wiederholt sich, leicht variiert, von Jahr zu Jahr. Dann dieser Sturz von der Bühne, vor vier oder fünf Jahren. Ein Schüler war, nach hinten weg, auf den Schulhof gefallen und hatte sich einen Arm gebrochen. Er war betrunken, wie sich herausstellte. Obwohl A, wie immer, Alkohol ausdrücklich verboten hatte. Die Eltern machten dankenswerterweise nicht die Schule verantwortlich und weil es der linke Arm war und ein glatter Bruch, konnte der Schüler sogar die Abiturklausuren mitschreiben. Glück gehabt. Nein, dass sich Schulleiter A auf den heutigen Tag freut, kann man wirklich nicht sagen! Als er an einer Ampel halten muss, kommt ihm ein ganz anderes Bild in den Sinn. Die große Aula seiner Schule und in dem denkmalgeschützten, ehrwürdigen Raum die Abiturienten am ersten Prüfungstag. Jeder sitzt an seinem Tisch. Genau neun Uhr. Die Anspannung der jungen Leute ist fast körperlich zu spüren. Lehrer gehen durch die Reihen und legen die Aufgaben auf jeden Arbeitsplatz. Es ist absolut still im Raum. Eben hat A noch ein kurzes aufmunterndes Wort an die Abiturienten gerichtet. Jetzt beginnt die Prüfung. Schulleiter A liebt diesen Blick auf diese jungen Menschen in der Aula. Alle diszipliniert bei der Arbeit. Hier tun sie, was die Schule von ihnen will!

Die Ampel ist auf Grün gesprungen, A fährt an. Die Abiturienten in der Aula: das ist sein Gegenbild zur abgeriegelten Schulhofauffahrt am letzten Schultag und zu all dem Gewusel und Gegröle. In der Aula gelten uneingeschränkt die Ordnung und der Auftrag der Schule, und für beides trägt A die Verantwortung gern. Hier, am sogenannten letzten Schultag, wollen dieselben jungen Leute, kostümiert und aufgekratzt, den Spieß umdrehen. Eine Art Enthemmungsritual! denkt A. So wie Weiberfastnacht: Einmal im Jahr müssen Chefs sich die Krawatten abschneiden lassen und die Büroschlüssel übergeben. Und alle erwarten, dass man dabei ausschaut, als mache es großen Spaß. A seufzt. Warum muss er sich auch noch darum kümmern?

Allgemeines zu Abistreichen und Mottotagen

Zum Ende ihrer Schulzeit sind Abiturjahrgänge gern darauf aus, in karnevalesken Formen die Schulregeln zu brechen und über die Stränge zu schlagen. Der Abistreich, oder wie immer das vor Ort heißt, wird oft am sogenannten letzten ordentlichen Schultag unmittelbar vor Beginn der Abiturprüfungen und während der Unterrichtszeit inszeniert. An vielen Schulen hat das eine lange, oft wechselhafte Tradition. Worum geht es?

Im Großen und Ganzen immer darum, den geordneten Schulbetrieb an diesem einen besonderen Tag zu stören bzw. zeitweise ganz zu verhindern und die gewohnte Ordnung der Schule durch ein alternatives Programm zu ersetzen. Deshalb gehören abgeriegelte Schultore, versperrte Parkplätze, Polonaisen von kostümierten und schreienden, singenden Abiturienten durch Klassenräume und dergleichen zum Repertoire. Zum anderen wird meistens das Spiel von der Umkehrung der „Machtverhältnisse“ inszeniert. Mit Lehrerpersiflagen, der öffentlichen Examinierung des Kollegiums auf dem Schulhof, mit albernen oder absurden Aufträgen an Lehrkräfte. Und nicht zuletzt will der Abiturjahrgang an diesem Tag einfach sich selbst feiern und die Aussicht auf die so kurz bevorstehende Entlassung aus der Schule, und das ist nach zwölf oder 13 Jahren zweifellos ein wichtiger biografischer Einschnitt, ein bleibendes Datum.