Mein Arbeitsplatz

Klagen und Beschwerden als Chancen wahrnehmen

„Danke für Ihre Kritik!“

von Heinz Bonorden

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Worum es geht

Eltern fühlen sich allzu oft abgewiesen, wenn sie einen Missstand beklagen, der aus ihrer Sicht offensichtlich ist. Die in der Schule arbeiten, Lehrkräfte wie Schulleitungen, fühlen sich andererseits ziemlich oft von Eltern bedrängt oder auch falsch verstanden. Wie also als Schulleiter reagieren, ohne die Eltern vor den Kopf zu stoßen und oder die eigene Institution als unantastbar darzustellen?

1. Elternkritik … und wie man damit umgehen sollte

Schulleiter unter sich: „Mein Elternsprecher hat sich das Bein gebrochen. Etwas Schlimmeres konnte der Schule nicht passieren. Jetzt hat er jede Menge Zeit, sich in alles einzumischen.“ Die anderen nicken verständnisvoll.

Eltern unter sich; sie reden über Schule: dass dort seltsamerweise andere Regeln zu gelten scheinen als in dem Berufsfeld, in dem sie selbst arbeiten, z. B. als Busfahrer oder Anwalt, als Ärztin oder Bankangestellte: Wieso darf ein schlechter Lehrer folgenlos weiter schlecht arbeiten? Warum fällt immer wieder Unterricht in diesem oder jenem Fach aus, d. h., warum wird wichtige Arbeit einfach nicht gemacht? Und warum wird am Schulsystem ständig herumgedoktert und es wird nicht besser?

Ist man als Lehrer oder Schulleiter bei solchen Gesprächen dabei, nicht dienstlich, sondern privat, kann man die Fragen der Eltern oft gut verstehen, aber im Allgemeinen nur selten befriedigend für die anderen beantworten. Deutsche Schulen funktionieren als Arbeitsfelder wahrscheinlich wirklich anders als z. B. deutsche Banken.

Sitzt man als Schulleiter an seinem Schreibtisch und muss auf Klagen, Beschwerden, also Kritik antworten, laufen solche Elterngespräche im eigenen Kopf als Subtext manchmal mit. Es ist so: Das kritische Gespräch über Schule zwischen Eltern und uns ist schwer zu führen.

Ich möchte beschreiben, was man in dieser Rolle allzu oft falsch macht und wie man, oft gar nicht bewusst, dazu beiträgt, dass sich bei Eltern dieses eingangs skizzierte Bild entwickelt. Und ich möchte anregen, es anders zu machen, so gut es geht.

Der Grundgedanke des Umgangs mit Kritik

Klagen und Beschwerden von Eltern, die beim Schulleiter ankommen, bereiten spontan Ärger und machen Arbeit. Man neigt dazu, sich den Ärger vom Hals zu schaffen und die Arbeit zu reduzieren. Eine Tradition, sich Elternkritik besonders intensiv zuzuwenden und sie produktiv aufzunehmen, gibt es in der deutschen Schule praktisch nicht. Genau das aber schlage ich vor:

Elternkritik nicht nur abzuarbeiten, weil es nicht anders geht, sondern gerade kritische Eltern als willkommene Partner anzusehen beim Versuch, die Schule besser zu machen.

Das bedeutet, man muss Kritik als solche würdigen und gezielt daraufhin prüfen, welche Produktivkraft sie für Verbesserungen in der Schule enthält und entfalten kann. Es hilft der Schule nämlich meistens mehr als es ihr schadet, wenn sie von außen „aufgemischt“ wird. – Es ist selbstverständlich nicht immer möglich, Kritik so zu nutzen, aber ziemlich häufig. Man muss es ausprobieren.

Wenn Klagen und Beschwerden vom Schulleiter spontan als etwas Negatives empfunden werden, dann schlage ich die Frage vor: Was ist das Positive daran? In Supervisionen ist die Aufforderung, eine belastende Erfahrung einmal anders als gewohnt zu „rahmen“, eine gängige Methode: „Ihre Entlassung hat Sie aus der Bahn geworfen! Gibt es etwas Gutes im Schlechten?Na ja, … dass ich jetzt etwas Neues anpacken kann!“

Der anfangs paradox anmutende Wechsel in der Betrachtung soll den Blick frei machen auf verborgene Ressourcen und neue Möglichkeiten.

2. Kritik an Lehrern und Schule

Der Schulleiter ist in seinem Büro: Das Telefon klingelt oder er öffnet gerade die Postmappe und er wird direkt mit der Kritik von Eltern konfrontiert. Hier drei Beispiele:

Beispiel

Konfrontation mit Elternkritik

„Als bei unserer Tochter der Übergang auf ein Gymnasium anstand, haben wir uns ganz bewusst für Ihre Schule entschieden. Ihr Tag der offenen Tür hatte uns sehr gefallen. Mittlerweile sind meine Frau und ich so weit, dass wir uns fragen, ob die Entscheidung damals richtig war. In der Klasse unserer Tochter ist die Mathematik-Lehrerin krank und die Kinder haben praktisch seit zwei Monaten schon keinen Mathematik-Unterricht mehr. Das ist skandalös. Auch diese Klasse muss doch zentrale Prüfungen ablegen und die Schüler sind jetzt schon benachteiligt. Lehrkräfte können krank werden, aber die Schule muss den Unterricht absichern! Als Schulleiter tragen Sie die Verantwortung für diese Misere.“

„Beim letzten Eltern-Stammtisch der Klasse 7c wurde unter anderem über den Sport-Unterricht gesprochen, mit dem praktisch alle Anwesenden sehr unzufrieden waren. Es wurde moniert, dass der Sportlehrer Herr T. sehr unfreundlich mit den Schülern umgeht, besonders mit den Mädchen, und dass er einen langweiligen Unterricht macht, in dem immer nur Fußball gespielt wird, was den meisten aber gar keinen Spaß macht. Auch aus anderen Klassen hört man, dass Herr T. seit Jahren immer wieder Probleme schafft und überall abgelehnt wird. Bitte, geben Sie der Klasse unserer Kinder einen anderen Sportlehrer.“

„Die jetzt erfolgte Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre setzt unsere Kinder unter einen unerträglichen Leistungsdruck. Für Hobbys – Sport treiben, ein Musikinstrument lernen – ist überhaupt keine Zeit mehr. Trotzdem sind viele in der 11. Klasse mit ihren Noten enorm abgefallen und verzweifeln. Die Lehrkräfte sind auf diese Situation offenkundig überhaupt nicht vorbereitet. Die sagen nur, dass sie keine Zeit haben, um irgendetwas zu wiederholen. Es ist unerträglich, dass unsere Kinder als Versuchskaninchen herhalten müssen.“